Brot und Brauchtum

Brot spielt für den Menschen seit jeher eine entscheidende Rolle und ist deshalb Sinnbild für Nahrung, Leben und Wohlergehen von der Geburt bis zum Tod. Kein Brot zu haben bedeutet heute noch Hunger, Not und Elend.

In religiösen Überlieferungen, in Legenden, Mythen und Bräuchen kann das Thema Brot weit zurückverfolgt werden, und zwar bis zur Zeit, da der Mensch sich seiner Abhängigkeit von den Naturkräften bewusst wurde und übersinnliche Kräfte um Hilfe gegen Missernten und Hungersnöte anflehte.

Religiöse Kulte

Das Volk der Sumerer, seit Beginn des 3. Jahrtausends vor Christus in Babylonien nachweisbar, glaubte, das Korn besitze eine Seele und die Götter ernährten sich von Getreide. Bei jedem Göttermahl gab es deshalb Opferbrote.

Die alten Ägypter weihten die erste Getreideprobe jeder Ernte der Erntegöttin und gaben den Toten Brot als Nahrung für das Jenseits mit.

Demeter, der griechischen Göttin der Fruchtbarkeit, wurden bei der Aussaat die ersten Körner dargebracht. In späterer Zeit hielt sich in Europa lange der Brauch, das erste Brot aus dem neuen Getreide einem Pilger anzubieten, denn man konnte nicht wissen, ob dieser von Gott gesandt oder Gott selber war.

Legenden im Alten Testament, die Speisung der 5000 durch Jesus im Neuen Testament und vor allem das Abendmahl und das Vaterunser-Gebet («Unser täglich Brot gib uns heute ...») gehören bis zum heutigen Tag zu den bekanntesten religiösen Kulten in Zusammenhang mit Brot.

Brote für Freud und Leid

Brot und Salz gelten als Zeichen der Gastfreundschaft und werden bei Hochzeiten auch als Symbol für Ehe und Familie überreicht. Im Neuen Testament bedeutet Brot brechen die gemeinsame Mahlzeit (ursprünglich nur das Brotessen).

Ehrfurcht vor dem Nahrungsmittel Brot, das es zum Überleben braucht, ist ein häufiges Thema in Sagen und Märchen, Gedichten und Geschichten. Wer Brot schändet oder geizig ist, wird bestraft.

Zu Allerseelen gibt es in Mexiko zum Gedenken an die Toten das "Pan de muertos".

Für jedes Fest ein spezielles Brot

Erntedankfeste werden nach wie vor auf der ganzen Welt gefeiert. Spezielle Erntefest-, Liebes-, Hochzeits-, Kindbett- oder Taufbrote sind vor allem in Mitteleuropa beliebt und oft wahre Kunstwerke. Teigmännchen zum Nikolaustag werden noch heute in Belgien, Deutschland, Österreich und in der Schweiz gebacken. Im Lötschental ist die «Mitscha», ein Taufbrot mit Kreuz und Christusmonogramm, gespendet von Pate und Patin, ein lebendig gebliebener Brauch.

Kuchen zum Dreikönigstag

Der 6. Januar, der Dreikönigstag mit dem passenden Kuchen, wird in verschiedenen Ländern als Freudentag begangen; in der Schweiz ist er seit 1390 verbürgt. Ursprünglich war dies ein Dorffest, das zu Ehren des Saatengottes Saturn im alten Rom gefeiert wurde. In einem Spiel wurde ein (Eintags)-«König» erkürt, und es fand ein Essen statt, zu dem auch die Armen eingeladen waren. Diese Tradition wurde später mit nordischen Los-Bräuchen vermischt, bei denen Bohnen in Kuchen versteckt wurden. Erst im Mittelalter veränderte sich der Brauch mit der christlichen Verehrung der Heiligen Drei Könige.

Jahreswende und Fasnacht

Nach Beginn der Adventszeit folgt am 6. Dezember der «Samichlaus», Tag des heiligen St. Nikolaus, Schutzpatron auch der Bäcker. Seit Jahrhunderten ist Weihnachten in der Schweiz ohne Grittibänz, in Deutschland ohne Dresdner Christstollen, in Italien ohne Panettone kaum denkbar. Im Balkan und in Südamerika wird Baumschmuck aus Brotkrume oder Salzteig angefertigt. Auch um die Lebkuchen ranken sich viele Geschichten und Legenden. Bereits im Mittelalter wurden Lebkuchen mittels Formen geprägt, die aus der Antike stammen. In unserem Land besonders beliebt sind die St. Galler Biber, ein uraltes Honiggebäck, das Basler Leckerli, Berner und Luzerner Lebkuchen und der Zürcher Tirggel.

Zum Gedenken an den Zweiten Villmerger Krieg von 1712, bei dem die Frauen den Männern zu Hilfe kamen, wird im Aargau am zweiten Sonntag des neuen Jahres der «Maitli-Sunntig»-Ring gebacken, und dann haben die Frauen das Sagen.

In der Schweiz hängen viele alte Brotbräuche mit der Fasnacht zusammen, zum Beispiel das «Bäckermöhli» (Mütschli) in Zug oder das «Löli»-Brot. Am «Güdelzischtig» verschenken in Einsiedeln Bajazzos nach einem alten Ritual Brot. In Schwyz zieht am Güdelmontag der «Blätz» umher mit einem Besenstiel, auf dem Kopfbrot aufgespiesst ist.

An der Rapperswiler «Rathausteilet» werden zur Erinnerung an die Hungersnot im 14. Jahrhundert Brötchen verteilt. Im Wallis und im Tessin (Chandolin, Bagnes-Tal, Ferdea, Riva San Vitale) finden Brotsegnungszeremonien statt.

In der Innerschweiz werden in einigen Gemeinden am 5. Februar, Tag der frühchristlichen Märtyrerin und Schutzpatronin Agatha, Brotringe zu deren Ehren gebacken, gesegnet und oft auch zum Schutz gegen Feuer in den Häusern aufgehängt.